XYZ BIMKollektiv · Portugal Forschung

Die Entwicklung der Architekturhonorare in Portugal: eine dokumentarische Archäologie (1940–2026)

Dokumentarische Lektüre öffentlicher Quellen. Grundlage: fünf offizielle Dokumente aus dem digitalen Ökosystem der Ordem dos Arquitectos (zwei davon Scans, die für diese Arbeit per OCR durchsuchbar gemacht wurden), dazu das Regelungstrio von 2026. Jede Aussage zitiert Dokument und Seite [C], wobei die Seite im PDF gezählt ist; Interpretationen sind als [I] markiert. Die Quellen, alle verlinkt, stehen am Ende. Das Werkzeug, das diese Zahlen auf eine Bausumme anwendet, ist der Comparador de Honorários (Honorarvergleich).

1. Methodische Notiz

Korpus: (i) Rechtliche Information zur Zulässigkeit einer Festsetzung einer Honorartabelle durch die Ordem dos Arquitectos (OA, OCR-Scan, 16 S.); (ii) Vorschlag auf Grundlage des Gutachtens zur Honorartabelle (CDN/Assessoria Jurídica, OCR-Scan, 17 S.); (iii) Cadernos Técnicos n.º 2 — Honorários (OA-SRS, 30 S.); (iv) 1. Bericht Honorare in der öffentlichen Auftragsvergabe in Portugal (2024, 86 S.); (v) 2. Bericht Honorare in der öffentlichen Auftragsvergabe in Portugal (2025, 63 S.); ergänzend RAPDA (Reg. 580/2026), REF.ARQ und den SIMULADOR de serviços (2026). Limitationen: Die OCR der Scans gibt Akzente zu ~90 % getreu wieder [I]; die Ausstellungsdaten der Gutachten fehlen im OCR-Text [I].

2. Die Ära der staatlichen Regeln (1940–2008)

Die erste Schicht ist staatlich und entsteht aus der Logik der Haushaltskontrolle des Estado Novo: Durch Erlass (despacho) des Ministério das Obras Públicas e Comunicações (MOPC) vom 17. Januar 1940 wurden die Regeln zur Berechnung der Honorare der Projektverfasser (RCHAP) genehmigt, aktualisiert am 7. Januar 1956 — sie „bestimmten den Wert der Honorare der Projekte auf Grundlage der Berechnungsmethode eines Prozentsatzes der geschätzten Bausumme“ [C: REL2024, S. 10].

Am 7. Februar 1972 (Portaria MOPC — portugiesische Verordnung, DG n.º 35, 2. Serie — „provisorisch“) werden die RCHAP durch die Anweisungen zur Berechnung der Honorare für Projekte öffentlicher Bauvorhaben (ICHPOP) ersetzt, geändert 1974 (MESA) und 1986 (MOPTC) [C: REL2024, S. 10-11; CT, Anm. 1-2]. Der Mechanismus: Honorare für vollständige Projekte „wurden in der Regel als Prozentsatz der geschätzten Bausumme festgelegt, der Tabelle je nach Kategorie des Bauwerks entnommen“, mit vier Kategorien nach Komplexität — von I („einfache Bauten, wie Lagerhäuser“) bis IV [C: CT, S. 7 und Anm. 4; REL2024, S. 11]. Die Bausumme schätzte man als überbaute Fläche × Preis je m², mit Zuschlägen von 50 %/100 %/130 % auf die Fläche des größten Geschosses, je nach Höhe des Gebäudes [C: CT, S. 8 und Anm. 5-7].

Zwei Eigenschaften dieser Schicht verdienen Festhaltung: Die Regulierung galt nur für öffentliche Bauprojekte — doch wie der Bericht von 2024 selbst einräumt, „dienten die ICHPOP empirisch als Referenz für private Bauprojekte“ [C: REL2024, S. 8]; und ihr ursprünglicher Rahmen war der des „Pacto Social“: „die vom Staat gesetzlich geregelten Honorartabellen der Architekten waren ursprünglich Teil des Konzepts eines «Pacto Social» … der Konsens, der den «Pacto Social» trug, verschwand“ [C: CT, S. 5].

3. Das Verbot (2004–2008): die europäische Regel und die Gutachten

Die Rechtsschicht, die die Tabellenära abschließt, ist gemeinschaftlich. In der Sache P/D-3/38549-PO / Barème d'honoraires de l'Ordre des Architectes belges „beschloss die Kommission, den belgischen Architektenverband zu verurteilen“, mit Entscheidung vom 24. Juni 2004, in der Erwägung, dass der Beruf des Architekten „unter den Begriff des Unternehmens fällt“ und den Wettbewerbsregeln der Art. 81/82 EGV unterliegt [C: Informação jurídica, S. 5-7]. Die Schlussanträge des Generalanwalts Poiares Maduro (verbundene Rechtssachen C-94/04 und C-202/04) begründen die Ausweitung des Verbots: Mindesttabellen hindern Fachleute aus anderen Staaten, Leistungen zu niedrigeren Werten zu erbringen; Höchsttabellen entmutigen die grenzüberschreitende Leistungserbringung [C: ebd., S. 8-10].

Die nationale Folge: Mit dem portugiesischen Vergabegesetz (CCP) hebt die Portaria n.º 701-H/2008, de 29 de julho — eine Verordnung — die Portaria von 1972 auf — und mit ihr die ICHPOP —, „womit die Architekten aufhören, ein Instrument zu haben, das ihnen als Grundlage für die Berechnung ihrer Honorare dient“ [C: Informação jurídica, S. 2-3; CT, S. 7, Anm. 2].

Als die OA fragt, ob sie selbst eine Tabelle veröffentlichen dürfe, ist die Antwort ihrer eigenen Juristen negativ und umfassend: „Die Festsetzung einer Honorartabelle — ob mit Mindestpreisen, ob mit Höchstpreisen, ob verbindlich oder lediglich indikativ — stellt eine verbotene wettbewerbsbeschränkende Praxis dar“ — bei Androhung einer Geldbuße und des Zwangs, „eine solche Verurteilung ihren eigenen“ Mitgliedern zu publik machen [C: Informação jurídica; Proposta/parecer CDN, S. 1-3]. Was die OA tun darf, ist „Studien über die Bildung von Preisen/Honoraren ihrer Mitglieder ausarbeiten oder verbreiten oder eine vergleichende Studie über die praktizierten Honorare“ [C: parecer CDN]. Das ist das Gründungsparadox der folgenden Ära: Das Instrument, das die OA nicht haben darf (die Tabelle), ist genau das, was die Berichte nacheinander als fehlend nachweisen werden.

Eine entscheidende vergleichende Notiz, die das Korpus selbst dokumentiert: Das europäische Verbot traf die Berufsverbände, nicht die Staaten — und Deutschland behielt die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure), allerdings sind deren Tabellen seit dem EuGH-Urteil in der Sache C-377/17 (4.7.2019) orientativ und keine verbindlichen Mindestwerte; und der Bericht von 2024 verwendet als zweite Referenz den „B.O.E. 126“ vom 27. Mai 2015: prüft man das Dokument, ist es das Gebührenverzeichnis der SEGIPSA, eines staatlichen Unternehmens (BOE-A-2015-5823), nicht eine nationale Skala. Spanien hat seit der Ley 7/1997 keine Honorartabelle für Architekten mehr [C: REL2024, S. 36-38 und Quellen der Grafiken 17-19; BOE-A-2015-5823].

4. Die Leere (2008–2023)

Zwischen der Aufhebung und dem ersten Bericht dokumentiert das Korpus die Leere über ihre Wirkungen: Verlust des Referenzrahmens auch für private Bauprojekte [C: REL2024, S. 8]; die CT-Notiz über das Fehlen jeder Aktualisierung der Baukostenwerte (der Staat legt für Steuerzwecke für das CIMI den Durchschnittswert von 482,40 €/m² per Portaria n.º 419/2015 fest, hat aber nie einen Honorarreferenzrahmen neu geschaffen) [C: CT, S. 8, Anm. 6]; und die Auswanderung als Symptom — das Projekt REMIGR/FCT (2015) schätzte Künstler, Designer und Architekten auf 5,64 % der Auswanderung, „mehr als 50 % wohnte in den Metropolregionen von Lissabon und Porto, bevor es auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten auswanderte (59,3 %)“ [C: REL2024, S. 41]. [I]: Die kausale Zuschreibung der Referenz-Leere an diese Auswanderung ist eine Vermutung des Berichts, kein Nachweis.

5. Die Ära der Berichte (2024–2025): die Messung des Niedergangs

Was die OA tun darf — messen und veröffentlichen — geschieht nun in Serie. Der 1. Bericht (2024) analysiert 469 öffentliche Vergabeverfahren und 98 Verträge [C: REL2024, S. 24]; der 2. (2025) untersucht 1.576 Verträge, geschlossen zwischen Juli 2023 und Juni 2025 [C: REL2025, S. 10-14].

Der zentrale archäologische Vergleich (2. Instrument gegen 5.): Wendet man die Tabellen der alten ICHPOP auf die 98 Verträge von 2024 an, bei 386.592.903,66 € Bausumme, so wären die Referenzhonorare nach dem Mittel der Kategorien II und III 16.826.594,66 € (4,35 %); der Grundpreis dieser Verträge lag bei 12.799.323,15 € (3,31 %) und die vereinbarten Honorare bei 7.689.940,37 € (1,99 %) [C: REL2024, S. 34-35 und Tabelle 15]. Das heißt: Das öffentliche Projekt zahlt heute rund 46 % dessen, was nach der Regel von 1972 zu zahlen wäre (1,99/4,35), und das Vereinbarte liegt bei rund 60 % des Grundpreises; bei Bauprojekten geringeren Werts, wo die ICHPOP 12–16 % erreichten, ist der Abstand ein Vielfaches [C: REL2024, S. 36, Grafiken 16-19].

Die Zahlen von 2023-25 [C: REL2025, S. 17-20]: - Grundpreis der Planung im Mittel 3,37 % der geschätzten Bausumme; effektiver Zuschlag 2,54 %. - In den Kategorien 1+2 zusammen (236 Verträge, ~997 Mio. € Bausumme): nur 25,36 Mio. € für die Planungsteams. Insgesamt (1.576 Verträge, ~3.152,9 Mio. €): 80,2 Mio. € (2,54 %). - Planen und Bauen (68 Verträge): Planungsgrundpreis 11.085.139,40 € bei 344.949.303,55 € Bausumme = 3,21 %, vertraglich 10.797.458,41 €. - Vorabkonsultationen: 1.340 Verfahren, 54.837.546,40 €, im Mittel 40.923,54 € je Verfahren, „wenn der von den Auftraggebern festgelegte Höchstbetrag bis zu 75 Tsd. € gehen kann“ — der Durchschnitt liegt wenig über der Hälfte der gesetzlichen Obergrenze.

Jede Seite beider Berichte druckt als Fußzeile den Satz, der sie rechtlich erst möglich macht: „Die Ordem dos Arquitectos respektiert die Regeln, die den freien Wettbewerb schützen, und beabsichtigt nicht, irgendeinen verbindlichen Referenzwert festzulegen“ [C: Fußzeile aller Seiten]. Die Schwankung am Schluss („obrigatório.“ vs. „obrigatória.“ zwischen 2024 und 2025) ist die Art von Detail, die nur ein Archiv aufbewahrt.

6. Die Methodik ohne Werte (2026) — auf Dateiebene verifiziert

Die aktuelle Schicht besteht aus vier Artefakten: RAPDA (Regulamento 580/2026, 25 S.), REF.ARQ (94 S.), Manual do Simulador (34 S.) und der SIMULADOR (Excel mit Makros). Alle wurden nach Referenzwerten durchsucht, einschließlich der Öffnung der Excel-Datei bis auf die interne XML-Ebene [C, direkte Überprüfung 2026-09]:

Lesarten: Das Modell B des Simulators heißt „PERCENTAGEM“ — die ICHPOP-Methode von 1972 überlebt als Berechnungsoption; die Form überlebte, der Wert wurde verboten. Und die einzige Marktzahl im System REF.ARQ ist die Diagnose (die 2–2,5 %, die der Staat zahlt, zitiert aus den Berichten): Die OA darf den Wert dessen veröffentlichen, was gezahlt wird, nicht den, was gezahlt werden sollte. Die OA begründet das Offline-Format des Simulators mit Vorsicht gegenüber der Wettbewerbsbehörde (Autoridade da Concorrência) [C: offizielle Seite].

7. Stratigraphische Synthese

Schicht Instrument Honorarwert (≈ % der Bausumme) Quelle
1940–1972 RCHAP (MOPC-Erlasse 1940/1956) % der Bausumme (Tabellen) REL2024 S.10; CT
1972–2008 ICHPOP (Portaria 7/2/1972, geänd. 1974/1986) Tabelle je Kategorie I–IV CT S.7; REL2024 S.11
— Reanwendung — ICHPOP (Mittel der Kategorien II+III) auf die 98 Verträge von 2024 4,35 %; Grundpreis 3,31 %; vertraglich 1,99 % REL2024 S.34-35
2023–2025 vertragliche Realität Grundpreis 3,37 %; Zuschlag 2,54 %; Vorabkonsultationen ~41 k€ gegenüber Obergrenze 75 k€ REL2025 S.17-20
2026 REF.ARQ + RAPDA + Simulador ohne Werte (Methodik) offizielle Seiten 2026

Gesamtlektüre [I]: In 86 Jahren ging das Honorar des portugiesischen öffentlichen Projekts von einem vom Staat regulierten Wert (1940) über einen der Berufsorganisation verbotenen, von Nachbarstaaten jedoch beibehaltenen Referenzwert, heute nur noch als orientierende Referenz (2008), zu einer von der OA selbst gemessenen Realität bei weniger als der Hälfte des historischen Standards (2024-25) — und zu einer der Zahlen beraubten Methodik (2026). Die Sequenz Portaria → Gutachten → Bericht → Simulator ist auch die Biografie der Verwandlung eines gesetzlichen Preises in einen empirischen Datenwert: Die OA darf nicht mehr sagen, wie viel ein Projekt kostet, und kann nur noch messen, wie viel es nicht mehr kostet.

Quellen

Dokumente des Korpus (Titel in Übersetzung; zitierte Seite = Seite des PDF):

Zitierte Gesetzgebung und Rechtsprechung:

Die vollständigen OCR-Texte und die strukturierten Daten, die diese Studie tragen, liegen im Archiv des Ateliers; Anfragen per E-Mail.